Cosmoscreator III

KUNDRYCREATOR

2012

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Scénario (Zeichnungen, Konzept und Entwicklung einer eigenen Schriftart):
Anna-Sophie Jürgens
Text: Karl Kleinknecht und Anna-Sophie Jürgens
Mise en scène (Layout, Typografie und Technik): Alexander Rapp

64 Seiten davon 28 ganzseitige Zeichnungen (schwarze Pigmenttusche), 8 Seiten Anhang zur Dissoziation und Traumatologie, zu Postkundrycreatorischem und Kundrys Phobos sowie eine Bibliographie.

AUFPLATZUNG EINES SCHLUPFWINKELS

Unser Held, Isal-Rapf, mit dem verwilderten Kasperlegesicht liebte aus rowdyhaften Beweggründen sein eigenes dunkel geadertes Ei nicht sonderlich.

 Seine persönlichen Schmatz- und Verdauungsgeräusche beängstigten ihn mit der strapaziösen Wirkung ihres dumpfen Harmes, so dass er froh war, als er endlich die kalkige Pseudodoxie des Eies, all seine klebrigen Schalen hinter sich ließ und der Terra incognita jawohlig entgegen zu pirschen vermochte. Endlich sollte er sich ins schnuckelputzelige Mark des Lebens einwühlen (so dachte er).

Doch dann kam Kundry! Kundry ist eine vielfältige Frau: Dem Äußeren nach hässlich, ist ihr inneres Wesen gebildet und klug. Wie andere Figuren der Gralsgeschichte, sei es bei Wolfram von Eschenbachs Parzival oder Richard Wagners Parsifal, ist sie nicht nur in Erscheinung und Kern verschieden, sondern auch in Motiven und Gefühlen ambivalent. In ihrer Seele findet sie, dass „Schmach und Schmuck sind zusammengenäht“ – wie im schwarz-weißen Federkleid der Elster. Die Doppelnatur der Welt überhaupt und die hier ‚fürchterliche’ Verwobenheit Parzivals/Parsifals und Kundrys werden im Kundrycreator thematisiert.

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Die märchenhaften Erlebnisse des Helden Isal Rapf mit den Kreaturen seiner selbst, seiner Imagination sowie seiner Organe lassen sich ähnlich einer Unterweltsfahrt (Kundry wird immer wieder mit der Unterwelt verbunden) als ‚Innerweltsfahrt’ interpretieren, zu der es allein aufgrund der Konstitution des Parzival-Helden kommen muss, denn in der Dichtung zieht er sich durch selbstbezogene Verschlossenheit, durch Schweigen und verstocktes Stummbleiben die größte Schuld zu. Das gralige Wunderschloss ist hier aber nun der Körper, für den Kundry eine Schlüsselfunktion zukommt.

So betrifft der im Kundrycreator schöpferisch behandelte Themenkomplex Angst-Phobos den Organismus, die Imagination sowie die Vor- und Darstellung. Der Kundrycreator illustriert und diskutiert kopfspielerisch-grotesk oszillierend zwischen Psychologie und Literaturwissenschaft Angst als elementares Element animalischen Lebens und ihre Intellektualisierung in Form von Phobos.

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Mit einer szenischen Lesung samt Performance, monumentalen Scherenschnitten und einer großformatigen Ausstellung der Zeichnungen wurden die drei Cosmoscreator-Bände, vor allem der Kundrycreator, vom 4. bis 6. Mai 2012 im Rahmen des kollektiven Kunstprojekts KUNDRY – an dem Künstler aller Sparten beteiligt waren: von Fotografie, Malerei und Installationskunst bis hin zu Lesungen, Performances und Musiktheateraufführungen – auf dem Schwere Reiter Gelände in München zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert. Initiiert wurde KUNDRY von der Dramaturgin, Musikwissenschaftlerin und Journalistin Maria Goeth.

IMG_5195 KleinFoto: Jochen Brocks

Am 1. Juni 2012 wirkte der Held des Kundrycreators, Isal Rapf, in Form einer szenischen Intervention bei der Veranstaltung Diskursrausch II – Ohne Sattel (Pathos Theater München) aktiv mit.