Cosmoscreator IV

CHAOSCRE(M)ATOR

2013

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Scénario (Zeichnungen, Konzept und Entwicklung einer eigenen Schriftart):
Anna-Sophie Jürgens
Text: Markus Wierschem
Mise en scène (Layout, Typografie und Technik): Alexander Rapp

64 Seiten davon 26 ganzseitige Zeichnungen (schwarze Pigmenttusche), 11 Seiten Anhang mit einer kurzen Geschichte der Entropie, einem Glossar sowie einer Bibliographie.

 EINE BILDUNGSROMÄR

In einer kleinen Stadt in einem glimpflich fernen Lande, zu jener Zeit, da Zeit noch etwas war, um das man sich Gedanken machen konnte, da lebten einst ein Junge und ein Mädchen, und sie waren unzertrennlich. Tagein, tagaus spielten sie in den verschlungenen Häuserschluchten und Stahlrohrlabyrinthen des Städtchens, das, nebenbei bemerkt, ein pastoralindustrielles und vornehmlich mit Kaffee- und Vanilledampf betriebenes Fleckchen war, das seine Bürger Apokapulko nannten. Das Mädchen war ein gelockter Sonnenschein und hieß sich Nimouaeunomia von Lilyanov, wurde aber stets Nimouae gerufen. Fragte man den Knaben nach seinem Namen, so warf er sich stolz in die Brust und deklarierte mit schwungvoller Verbeugung: „Ilya P. Waxmell der Dritte, zu Ihren Diensten“, denn er stammte aus einer berüchtigten Familie von Konditoren, Alchimisten und Bunsenbrennern. (Markus Wierschem)

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Im CHAOSCRE(M)ATOR erforscht Ilya P. Waxmell die Grenzen der Entropie, begleitet von Carnot, der holden Dampfmaschine, um seine Geliebte aus den Verstrickungen ihrer Tapetenexistenz post mortem zu befreien. In der steam-punkigen Tapetenwelt trifft Ilya u.a. auf die Philosmatiker (d.h. Kritiker der Entropie-Idee) und kämpft mit dem Maxwell’schen Dämon, einem monströsen Türsteher und Irreversibilitätsauflöser. Im Rahmen von Konzepten der Thermodynamik, Informations-, DNA-, und Chaostheorien schreitet sein großes Abenteuer voran – zu einem erstaunlichen Finale!

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So erkundet dieses Märchen in Grundzügen die Geschichte der Entropie, deren weit reichende Implikationen im Zweiten Gesetz der Thermodynamik nicht nur einen stetigen Niedergang aller Dinge zu einem Grad höchster Unordnung (d.h. maximaler Entropie) ankündigen, sondern letztlich auch den Wärmetod des Universums selbst. Zunächst Mitte des 19. Jahrhunderts im Zeitalter der Dampfmaschine entwickelt, wuchs dieser lange heftig umstrittene Begriff der Physik zu einer der zentralen und gleichzeitig nebulösesten Größen in der Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts heran. Vielfach transformiert, fand die Entropie Eingang nicht nur in Informationstheorie und Systemtheorie, sondern auch in Genetik, Ökologie, Ökonomie und Chaostheorie. Daneben wurde sie schnell zu einem monumentalen Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen in Literatur und Kunst, Philosophie und Theologie. Und Ilya ist mitten drin!

Raupe Klein

Am 6. und 7. Dezember 2013 wurde der vierte Teil des Cosmoscreators, der Chaoscre(m)ator, im Rahmen der Tagung LaborARTorium, die sich der künstlerischen Forschung widmete, an der Ludwig-Maximilians-Universität München in einer von einer Cosmo-Ausstellung begleiteten Lesung präsentiert.